Der Fußball hat geharnischte Kritik verdient

Udo Grady Fußballfan aus Kanada plädiert für ansehnlichen Fußball. Foto: SportickTV
Udo Grady Fußballfan aus Kanada plädiert für ansehnlichen Fußball. Foto: SportickTV

so schrieb mir ein Fan aus Kanada als Reaktion auf meine Kolumne über die Olympischen Spiele. Wieder mal ein Nörgler, dachte ich, der die Leistungen des Horst-Hrubesch-Teams und die Final-Niederlage gegen Brasilien nicht verdaut hatte. Dann las ich seine Begründung, er meinte nicht nur Deutschland, sondern die Entwicklung des Fußballs insgesamt. Das Spiel wird für den Zuschauer „boring", das englische Wort für "langweilig“! Anscheinend, so vermutet er, haben die Spieler eine Gehirnwäsche bekommen. Erstes Gebot sei es doch heute auf Kosten des Enthusiasmus, den Ball zu halten. Wortwörtlich: „Man hat das Gefühl, keiner traut sich mehr zu schießen, um nicht nachher die Kritik des Versagens zu bekommen“! Da hat er wohl Recht! Tatsächlich gibt es heutzutage Begegnungen, in denen eine Mannschaft über 90 Minuten auf, zwei bis drei Torschüsse kommt. Und da sage mir keiner, das sei hochinteressant. Großartig. Riskiert wird kaum noch etwas. Dafür aber im sogenannten Spielaufbau zig mal quer und zurück gespielt. Richtig - das hat taktische Gründe, macht den Fußball aber unattraktiv, zum Zusehen eben langweilig, vor allem dann, wenn eine Führung mit Ballhalten und ähnlichen Mitteln über die Zeit geschleppt wird. Das trägt auf jeden Fall nicht zur Popularität des Spiels bei – im Gegenteil. Die Entwicklung ist fatal und schadet! Ballverluste und Fehlschüsse bedeuten oft den Verlust von Geld. Wer will schon verantwortlich sein und die Vorwürfe bekommen, er sei Schuld am finanziellen Niedergang. Da haben wir's. Geld regiert auch auf dem Platz die Welt. Wer kann schon noch riskante, Lücken öffnende Bälle in die Tiefe spielen. Das sind die Könige und Kaiser des Fußballs. Den freien Mann, in der Regel nach hinten anzuspielen ist doch viel einfacher. „Da lobe ich mir die kleinen Nationen, die Zwerge im Fußball, Mannschaften in den unteren und Jugendklassen. die auch mal einen Fehlschuss riskieren. Ein abgefälschter Fehlschuss kann auch zum Erfolg führen“, führt der Fan aus Kanada weiter aus und bekommt meine Bewunderung. Wie kann man denn sonst Tore erzielen, wenn man nicht auf das Tor schießt? Es soll sogar noch Trainer geben, die das Übel erkannt haben und mitreißenden Fußball gern praktizieren würden. Die Zuschauer befragt, klar, die wünschen sich das Spiel nach vorn, beherzten Angriffsfußball mit vielen Abschlüssen aufs Tor. Trainer unterliegen jedoch ebenso dem Erfolgszwang und schließen gern alles, was Gefahr bringen könnte, aus. An der ansehnlichen Spielkultur sollten künftig die Mannschaften gemessen werden. Ansonsten hilft bestimmt eine Regeländerung: Einen Punkt mehr für Mannschaften, die drei Tore und mehr erzielen.

Christian Zschiedrich

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